Hund bellt und zieht an der Leine bei Hundebegegnungen? So kriegst du das ratzfatz weg
- Viola Baumert

- vor 19 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Hinweis: Jeder Hund ist einzigartig. Deshalb sind auch die Inhalte dieses Artikels bewusst allgemein gehalten und sollen eine erste Orientierung bieten. Nicht jeder Tipp passt zu jedem Mensch-Hund-Team. Die Inhalte spiegeln meine persönliche Erfahrung sowie meine Trainingsphilosophie wider und ersetzen keine individuelle Beratung oder tierärztliche Abklärung.
Verlockender Titel, oder?
Drei Schritte, ein bisschen Konsequenz für zwei Wochen und zack; dein Hund läuft künftig entspannt an jedem Artgenossen vorbei.
Wäre schön.
Ich sag's direkt: Den einen Shortcut für schwierige Hundebegegnungen gibt es meistens nicht.
Auch wenn Social Media manchmal einen anderen Eindruck vermittelt.
„Mach diese drei Dinge.“
„So hört dein Hund sofort auf zu pöbeln.“
„In fünf Minuten zu entspannten Hundebegegnungen.“
Und ja, ich verstehe total, warum solche Versprechen funktionieren.
Wenn dein Hund zum zehnten Mal bellend in der Leine hängt, deine Nerven langsam Feierabend machen und von hinten noch jemand ruft: „Sie müssen einfach lockerer bleiben!“
… dann hätte man die Sache tatsächlich gerne ratzfatz erledigt. Leider funktioniert Hundetraining selten so.
Nicht jeder Hund, der an der Leine ausrastet, hat dasselbe Problem
Zwei Hunde können bei einer Hundebegegnung ziemlich ähnlich aussehen:
ziehen, bellen, springen, fixieren. Was dahintersteckt, kann aber komplett unterschiedlich sein.
Zum Beispiel:
Frust
Unsicherheit oder Angst
hohe Erregung
fehlende Erfahrung
frühere Lernerfahrungen
Schwierigkeiten im Sozialkontakt
noch wenig Orientierung am Menschen
Bedürfnis nach Abstand oder Sicherheit
körperliches Unwohlsein
oder mehrere Dinge gleichzeitig
Manchmal liegt der Grund auch ganz woanders als dort, wo man ihn zuerst vermutet.
Deshalb finde ich auch die Aussage „Der ist halt reaktiv.“
alleine ziemlich wenig hilfreich.
Ja. Er reagiert stark.
Die spannende Frage ist doch:
Warum?
Deshalb bekommst du hier keine fünf Übungen gegen Leinenpöbeln
Könnte ich natürlich machen. Übung 1. Übung 2. Übung 3. Screenshot.
Morgen ausprobieren. Nur kenne ich deinen Hund nicht.
Ich weiss nicht, wann und warum er auslöst, was davor passiert, wie du reagierst und welche Erfahrungen ihr bisher gemacht habt.
Und deshalb wäre es ziemlich unseriös, dir einen Trainingsplan hinzuklatschen und zu behaupten:
„Mach das zwei Wochen und dann läuft's.“
Im blödesten Fall wird dein Hund noch aufgeregter und du immer unsicherer, weil du denkst:
Warum klappt das bei uns schon wieder nicht?
Deshalb bekommst du von mir hier lieber fünf Dinge aus der Ferne, die wirklich sinnvoll sind.
1. Schau hin, bevor dein Hund explodiert
Nicht erst beobachten, wenn dein Hund bereits bellend in der Leine hängt. Du könntest unter anderem versuchen zu beobachten:
Was passiert davor?
Was passiert danach?
Ist der Ablauf bei allen Hundebegegnungen gleich?
Was mach ich vor, während und nach dem Hundebegegnung?
Natürlich fliessen hier noch ganz viele weitere Faktoren beim Beobachten mit ein. Aber wenn du sowieso schon angespannt in eine Hundebegegnung gehst, wäre es ziemlich unrealistisch zu erwarten, dass du ohne Plan ganz nebenbei beispielsweise noch die gesamte Körpersprache deines Hundes liest.
2. Such dir jemanden, der erst schaut und dann eine Meinung hat
Wenn Hundebegegnungen regelmässig eskalieren, hol dir Unterstützung von einem Hundetrainer der Erfahrung in dem Bereich hat.
Gutes Training beginnt für mich erstmal mit Beobachten.
Und erst danach wird analysiert: Was braucht genau dieses Team?
Die Strategie sollte übrigens nicht nur in der Trainingsstunde funktionieren.
Wenn dein täglicher Spazierweg ein schmaler Waldweg ist oder du mitten in der Stadt Zürich wohnst, bringt dir eine Methode wenig, für die du jedes Mal 40 Meter Abstand und drei perfekt trainierte Statistenhunde brauchst.
3. Schreib dir auch auf, was gut läuft
Ich weiss. Trainingstagebuch klingt ungefähr so spannend wie Steuererklärung.
Kann aber verdammt hilfreich sein. Schreib nicht nur auf: „Heute wieder komplett eskaliert.“
Sondern auch:
Hund gesehen und trotzdem ansprechbar geblieben
schneller wieder beruhigt
einmal freiwillig zu mir geschaut
Begegnung mit mehr Abstand gut geschafft
heute grundsätzlich lockerer unterwegs gewesen
Und ruhig auch Dinge, die gar nichts mit Hundebegegnungen zu tun haben.
Vielleicht läuft dein Hund mittlerweile richtig schön an lockerer Leine.
Vielleicht funktioniert der Rückruf super. Vielleicht kann er inzwischen entspannt warten.
Wenn ein Problem gross wird, sehen wir irgendwann hauptsächlich noch genau dieses Problem.
Dabei kann dein Hund gleichzeitig an zehn anderen Stellen Fortschritte machen.
4. Vergleich deinen Hund nicht mit dem Labrador von nebenan
Da läuft er. Locker an der Leine. Drei Hunde passieren ihn. Kein Mucks.
Und deiner hängt gefühlt quer über der Strasse. Erdboden tu dich auf.
Aber du siehst hier nur einen kleinen Ausschnitt. Vielleicht kann dieser Labrador dafür beim ersten Reh nur noch als kleiner Punkt am Horizont beobachtet werden. Vielleicht bleibt er nicht gerne alleine. Oder vielleicht hat er tatsächlich gerade überhaupt kein grosses Thema.
Auch möglich. Du weisst es schlicht nicht.
Vergleich deshalb lieber:
Wie waren wir vor vier Wochen – und wie sind wir heute?
Das ist der Vergleich, der euch wirklich etwas bringt.
5. Du musst nicht jede Begegnung mitnehmen
Vielleicht mein liebster Punkt. Du darfst auch mal ausweichen. Du darfst auch mal umdrehen.
Wenn dein Hund bereits komplett drüber ist und deine eigenen Nerven irgendwo zwischen „geht noch“ und „bitte einfach niemand mehr“ hängen, muss die nächste Hundebegegnung nicht noch zur pädagogisch wertvollen Trainingseinheit werden.
Wichtig ist nur, nicht für immer allem auszuweichen, sondern wieder Trainingssituationen zu suchen, die machbar sind und vor allem sich und seinem Hund etwas zuzutrauen, wenn man mit professioneller Unterstützung einen konkreten Trainingsplan erarbeitet hat, der sich auch im eigenen Alltag umsetzen lässt.
Und jetzt? Ratzfatz weg?
Wahrscheinlich nicht. 😉 Und ich weiss, das ist weniger sexy als „Mach drei Übungen und in zwei Wochen ist das Problem gelöst“.
Aber Hundebegegnungen werden nicht besser, weil man möglichst schnell irgendeine Methode darüberstülpt. Sie werden besser, wenn man versteht, was beim eigenen Hund eigentlich passiert, einen Plan hat, der zu diesem Hund und zum eigenen Alltag passt und dann dranbleibt.
Manchmal macht ihr einen grossen Schritt nach vorne. Manchmal läuft eine Begegnung wieder komplett daneben. Und manchmal merkt man erst nach ein paar Wochen: Moment mal. Vor einem Monat wäre das hier noch völlig eskaliert. Genau solche Fortschritte zählen.
Du brauchst keinen Hund, der morgen kommentarlos an jedem Artgenossen vorbeimarschiert.
Du brauchst einen Weg, mit dem Hundebegegnungen für euch beide Stück für Stück leichter werden. Nicht ganz ratzfatz. Dafür hoffentlich nachhaltig.
