Logbucheintrag #13: Motorschaden, Fahnenflucht und der freche Matrose vom Berg
- Thalia

- 28. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. Juli
Worum geht es in Thalias Logbuch? Thalia ist Kapitänin auf vier Pfoten und erzählt hier von ihren Abenteuern auf hoher See, auch wenn sich diese meist zwischen Waldwegen, Bergen und dem heimischen Sofa abspielen.
Inspiriert sind die Geschichten von ihrem echten Leben mit Hundehalterin und Hundetrainerin Viola.
Der Rest wird ausgeschmückt, dazugedichtet und mit reichlich Seemannsgarn versehen.
Das Logbuch dient einzig dem Vergnügen, nicht der wissenschaftlichen Übersetzung von Hundegedanken.
Datum: Ein weiterer brütend heisser Sommertag, an dem selbst die Mäuse freiwillig im Schatten bleiben
Position: Hoch über dem Tal, irgendwo zwischen Bündner Berggipfeln, dunklen Nächten und streng bewachtem Hoheitsgebiet
Wetter: Sahara-Wüstenwind, heisse Planken und gelegentlich Weltuntergang von oben
Ahoi, meine treuen Matrosinnen und Matrosen!
Tapfer haben wir uns der letzten Hitzewelle entgegengestemmt und sie tatsächlich heil überstanden. Hossa!
Für einen kurzen Moment glaubten wir bereits, die schlimmsten Gewässer hinter uns gelassen zu haben. Die Temperaturen sanken, der Wind wehte wieder einigermassen anständig durch mein Fell und selbst unsere Landgänge konnten stattfinden, ohne dass mir nach drei Schiffslängen die Zunge bis zu den Pfoten hing.

Doch wie jeder erfahrene Seefahrer weiss, folgt auf ruhige See oft das nächste Unwetter.
Und nun befinden wir uns bereits wieder auf direktem Kurs Richtung Sahara. Die Luft steht still, die Sonne brennt vom Himmel und selbst die schattigsten Planken fühlen sich an, als hätte jemand darunter ein Lagerfeuer entfacht. Es ist zum Mäusemelken!
Bevor ich nun aber weiter über das Wetter rede, wie Menschen das gerne tun, wenn ihnen sonst gerade nichts Spannendes einfällt, erzähle ich euch lieber, was sich in den letzten Tagen auf unserem Schiff zugetragen hat. Haltet eure Kapitänsmützen fest. Es wird wild.
Volle Kraft voraus - bis der Karren streikt
Unser kleines Schiff, das uns normalerweise von Termin zu Termin bringt, hat langsam, aber sicher den Geist aufgegeben. Ihr wisst schon: dieser rollende Blechkasten, den mein Mensch Auto nennt und den ich jeden Morgen in besonders elegantem Zeitlupentempo ansteuere, weil ich wirklich überhaupt keinen Grund sehe, freiwillig einzusteigen. Offenbar hatte diesmal nicht nur ich keine Lust mehr.
Eines Tages hörte ich meine Zweibeinerin am Telefon sagen: „Der Karren ist stehen geblieben.“ Welcher Karren?
Ich habe weder ein Pferd noch einen Wagen gesehen. Lediglich unser Schiff stand regungslos herum und machte keinen besonders seetüchtigen Eindruck mehr.
Nun denn. Menschensprache. Muss eine Kapitänin nicht immer verstehen.
Für mich hatte der Ausfall ohnehin zunächst nur Vorteile. Statt in den Blechkasten verfrachtet zu werden, unternahmen wir längere Landgänge und marschierten wie zwei gestandene Abenteurerinnen durch Wald und Wiesen, mit Pausen in Bahn und Bus.
Jackpot!
Fahnenflucht auf vier Rädern
Die Freude über unsere neuen Landgänge hielt allerdings nicht lange an, denn die nächste Hitzewelle nahm bereits Anlauf und verwandelte unser gesamtes Einsatzgebiet in eine schlecht belüftete Kombüse.
Da für mich als Hund selbst der schönste Spaziergang irgendwann keinen Spass mehr macht, wenn einem dabei beinahe die Pfoten schmelzen, wurde kurzer Prozess gemacht.
Ich erhielt ein Upgrade der Meisterklasse.
Ferien in Graubünden! Gemeinsam mit meiner treuen, inzwischen pensionierten vierbeinigen Kapitänin Tilla ging es hinauf zum schönsten Ort überhaupt: zu meinen Hundegrosseltern auf den Berg. Was ich bei der ganzen Reiseplanung allerdings nicht bedacht hatte: Mein Mensch kam nicht mit.
Ich stieg nichts ahnend ins Schiff meiner Grosseltern, die Klappe fiel zu und gespannt wartete ich dass auch mein Mensch ins Schiff steigt. Motor brummte los und mein Mensch lief davon. Einfach so. Kein Adieu, au Revoir oder Tschau Tschau. Frechheit! Fahnenflucht! Meuterei gegen die eigene Kapitänin!
Und nun sitze ich für ganze zwei Wochen auf diesem Berg, weil meine Zweibeinerin offenbar beschlossen hat, auch einmal Ferien ohne mich zu machen. Wie nett.
Kanonenverbot und andere gute Nachrichten
Immerhin hat mein Mensch bei der Wahl meines Ferienortes ein wenig Verstand bewiesen. Der Berg liegt nämlich an einem Ort, an dem am 1. August keine Kanonen gezündet werden dürfen. Puh, noch einmal Glück gehabt.
Diese fürchterliche Knallerei hasse ich wie die Pest. Kein anständiger Kapitän feuert seine Kanonen ab, ohne vorher sämtliche Hunde in einem Umkreis von mindestens zehn Seemeilen um Erlaubnis zu fragen. Hier oben bleibt es aber ruhig.
Keine Böller, keine Raketen und keine Menschen, die mitten in der Nacht so tun, als müssten sie feindliche Schiffe versenken.
Nur Berge, Wälder und eine Mannschaft, die weiss, was sich gehört.
Die Wanderflotte sticht in See
Meine Hundegrosseltern kennen allerdings kein Erbarmen. Hier wird gewandert. Dann wird noch ein wenig weitergewandert. Und falls danach noch Zeit bleibt, wird zur Abwechslung erneut gewandert. Steile Wege hinauf, schmale Pfade hinunter, über Wiesen, durch Wälder und an Bächen entlang. Für gewöhnliche Landratten wäre dieses Programm vermutlich eine Herausforderung. Für mich natürlich nicht.
Ich bin schliesslich eine staatlich ungeprüfte Spezialistin für Bergexpeditionen, Geländekontrollen und strategisches Vorauslaufen mit anschliessender Rückversicherung, ob die Crew noch hinterherkommt. Ich kenne hier jeden Weg, jeden Grashalm und vermutlich auch jedes Murmeltier persönlich. Tilla hält ebenfalls tapfer mit. Obwohl sie etwas älter und gemütlicher geworden ist, stapft sie noch immer voller Würde über die Bergpfade. Ich bin wahnsinnig stolz auf sie.
Und eines kann sie noch genauso gut wie früher: mir sehr deutlich sagen, wenn ich mich danebenbenehme. Ein Blick von ihr genügt und ich weiss sofort, dass ich meine Geschwindigkeit drosseln, meine Pfoten sortieren und der pensionierten Kapitänin etwas mehr Raum lassen sollte. Dann fühle ich mich gleich wieder wie die kleine Matrosin, die ich vor vier Jahren war.
Tilla war damals meine Lehrmeisterin. Sie zeigte mir, wie man sich an Bord benimmt, wann man Abstand hält und dass ältere Kapitäninnen grundsätzlich nicht daran interessiert sind, von übermotivierten Jungmatrosen über den Haufen gerannt zu werden. Offenbar hat diese Regel kein Ablaufdatum.
Bergwacht auf vier Pfoten Unser Hauptquartier liegt auf einem Hügel mit Blick auf majestätische Berge, das Dorf und sämtliche Wanderwege der näheren Umgebung. Ein strategisch hervorragend gelegener Aussichtsposten. Von hier aus erkenne ich vorbeiziehende Wanderer, fremde Hunde, verdächtige Schatten und alles, was sich unerlaubt durch mein Einsatzgebiet bewegt.
Als selbst ernannte Oberkapitänin der Bündner Bergwacht ist es selbstverständlich meine Pflicht, jedes Vorkommnis unverzüglich zu melden.
Hier darf ich dem nachgehen, was mir im Blut liegt: beobachten, bewachen und meiner Mannschaft mitteilen, wenn draussen etwas nicht ganz geheuer ist. Eine wichtige Aufgabe an einem Ort ohne Strassenlaternen, an dem die Nacht so schwarz wird wie Pech, Kohle und der hinterste Winkel eines Piratenschiffs. Da kann man nie wissen, was sich anschleicht.
Weltuntergang über Steuerbord Vor wenigen Tagen zog dann ein gewaltiges Unwetter über den Berg. Ich sage euch: Der Himmel ist regelrecht auseinandergebrochen. Der Donner krachte über den Gipfeln, als würden hundert Piratenschiffe gleichzeitig ihre Kanonen abfeuern. Die Blitze zerschnitten den Himmel und der Regen peitschte gegen die Fenster, als wolle das gesamte Tal in See stechen. Natürlich hatte ich die Lage vollständig unter Kontrolle.
Dennoch hielt ich mich aus rein strategischen Gründen etwas näher bei meinen Hundegrosseltern auf. Sehr nahe sogar. Direkt an ihren Beinen. Eine gute Kapitänin lässt ihre Mannschaft während eines solchen Sturms schliesslich nicht allein. Ich habe ihnen also Schutz geboten. Von unten.
Fremde Matrosen voraus
Neben dem Weltuntergang gibt es inzwischen allerdings noch eine weitere ernste Angelegenheit. Im Dorf ist ein neuer Matrose eingezogen. Ein junger Freibeuter, der herumläuft und offenbar noch nicht mit den geltenden Regeln vertraut ist. Denn dieser Kerl besitzt doch tatsächlich die Unverschämtheit, mich anzubellen. Mich! Die Kapitänin!
Er läuft durchs Dorf, spielt sich auf wie ein Flottenadmiral und verkündet lautstark seine Anwesenheit, als hätte er den Berg höchstpersönlich entdeckt. Ich möchte an dieser Stelle festhalten, dass ich selbstverständlich über solchen Dingen stehe. Meistens.
Doch eines habe ich ihm bereits unmissverständlich klargemacht: Auf unser Grundstück kommt er nicht. Bis zur Grenze darf er gerne den grossen Seeräuber spielen. Dahinter beginnt mein Hoheitsgebiet. Und dort gelten meine Regeln. Hehe.
Die Moral der Geschichte
Manchmal geht ein altes Schiff kaputt, der Mensch verlässt unerlaubt die Mannschaft und die Kapitänin landet plötzlich auf einem Berg. Doch solange die Crew zusammenhält, die Kanonen schweigen und das eigene Hoheitsgebiet gut bewacht wird, bleibt alles auf Kurs. Bis dahin halte ich hier oben die Stellung.
Eure Kapitänin Thalia 🐾⚓🏴☠️
